Armenien - Ausflug zu Radio Eriwan

Das glaube ich jetzt nicht. In den letzten Tagen war traumhaftes Wetter. Aber heute, als wir unsere Motorradtour aus Jerevan raus starten wollen, sind die Straßen nass, der Himmel über uns hat eine ähnlich graue Farbe, wie die Hochhäuser um uns herum.

Vashe und Vahe stehen bereit, um uns abzuholen. Vashe beruhigt mich: „Das ist gleich vorbei. Wenn wir aus der Stadt heraus sind, wird es besser. Ihr werdet sehen.“
Aber mit „ihr“ wird es nichts. Hannes verzichtet auf die Mitfahrt. Darmprobleme. Und das kommt auf einer Motorradtour nicht so gut. Also fahren wir zu dritt raus aus Jerevan, das wir als Eriwan kennen, zumindest noch als Radio Eriwan, diesen fiktiven Sender, der die an ihn gestellten Frage mit der Antwort „Im Prinzip ja“ einleitete: „Kann man mit einem russischen Auto auf russischen Straßen 120 km/h fahren? - Im Prinzip ja. Aber nur einmal.“

Dass das auch fürs Motorradfahren und für armenische Straßen gilt, erleben wir vom Moment unsere Abfahrt an hautnah.
Der Stadtverkehr ist dicht, die Fahrspuren eher ein möglicher Anhaltspunkt. Jeder fährt seinen Weg. Armenier scheinen ausgesprochene Individualisten zu sein. Und dazwischen crossen wir. Die Augen kreiseln unablässig. Was machen die Fahrzeuge um uns herum? Wo tut sich wieder auf der Straße ein Schlagloch auf? Welcher Fußgänger versucht todesmutig direkt vor uns die Fahrbahn zu überqueren?

Kaum haben wir das Stadtgebiet verlassen, wird der Verkehr merklich geringer. Der Benzin- und Dieselgeruch nimmt ab, die Luft wird klarer. Vor uns ragt immer deutlicher der Ararat auf. Greifbar nah. Aber eben nur theoretisch. Denn der Ararat liegt auf türkischem Gebiet. Und die Grenze zur Türkei ist geschlossen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 entzündete sich ein militärischer Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach, das überwiegend von Armeniern bewohnt wird.

1993 schloss die Türkei, Partner Aserbaidschans, deshalb die Grenze zu Armenien. Seit dem ist der Ararat, das im Wappen Armeniens abgebildete Nationalsymbol der Armenier, das auch früher im Staatswappen der Armenischen SSR zu finden war, auf direktem Wege nicht erreichbar. Gegen die Verwendung dieses Symbols protestierte die Türkei mit dem Hinweis, dass der Berg auf türkischem Territorium liege und deshalb nicht von Armenien oder der Sowjetunion vereinnahmt werden dürfe. Der sowjetische Außenminister Gromyko konterte damals mit dem Hinweis, dass die Türkei doch auch die Mondsichel in ihrer Flagge führe, obwohl weder der Mond noch ein Teil davon zur Türkei gehörten.
Geschichte und Gegenwart aller Staaten und Völker im Gebiet des Kaukasus ist eben immer konfliktreich und dramatisch gewesen.

Wir verlassen das weite fruchtbare Flusstal des Arax nordöstlich des Ararat und schrauben uns weiter hoch in die Berge.
In dem wenig bekannten Hochgebirgsland erleben wir eine Fülle an Eindrücken. Vor mehr als 1.700 Jahren entstand hier der erste christliche Staat der Welt und noch heute zeugen eine Vielzahl von mittelalterlichen Kirchen, Klöstern, Burgen vom reichen Kulturerbe. Während im Norden ausgedehnte Waldgebiete zu finden sind, ist hier die Landschaft deutlich trockener, heißer.
Hirten ziehen vorbei – Schafe, Kühe, Truthühner werden beim Weiden beaufsichtigt. Spannende Begegnungen mit Menschen und Tieren. Bei uns hätten die Herden, die die Straßen unmittelbar vor uns queren, immer eine Durchsage im Verkehrsfunk zur Folge. Aber hier? Unangenehmer sind da schon die halbwilden Hunde, die an einsam gelegenen Gehöften hinter uns her hetzen, um den Anspruch auf ihr Territorium deutlich zu machen.

Aus einer der tiefen Schluchten folgen wir auf der Teerstraße einer Serpentine nach der anderen. Dann ein Abzweig. Die staubige Piste geht in einen steilen, mit viel losem Geröll bedeckten Weg über. Nicht ganz ohne, denn linker Hand geht es mehrere hundert Meter steil nach unten. Aber der Lohn der Angst: Ein phantastischer Ausblick auf das Kloster Norawank, das wir Tage zuvor schon einmal besucht hatten. Eigentlich mag ich mich von der Aussicht gar nicht losreißen, aber es wird Zeit.

Auf der Rückfahrt nach Jerevan wechselt karges Land mit fruchtbaren Bereichen ab, Tabakfelder sind zu sehen und Wein wird angebaut. Schon in der Bibel wird Armenien als die Wiege des Weinanbaus erwähnt. Archäologische Ausgrabungen an den Orten historischer Siedlungen bezeugen, dass die Vorfahren der modernen Armenier eine hoch entwickelte Weinanbaukultur besaßen. Daraus entwickelten die Armenier Ende des 19. Jahrhunderts ihre Tradition der Brandy Herstellung. Sein warm-samtiges Aroma mit seinem reichen Bouquet verdankt der armenische Brandy dem warmen und trockenen Klima, den nährstoffreichen Böden des Ararat-Tals und dem weichen Quellwasser der Berge. Daraus werden Spitzenprodukte destilliert, die französischem Kognak in nichts nachstehen.

Durch den quirligen Feierabendverkehr schlängeln wir uns zurück nach Jerevan.
Die Stimmung ist höchst lebendig und ausgesprochen südländisch. Die Innenstadt ist am Abend voll mit herausgeputzten Spaziergängern, die vielen Straßen- und Parkcafes voller Menschen. Wir setzen uns dazu und beschließen unsere Ausfahrt mit einem zwanzigjährigen Ararat. Großartig – er wird sicher auch verhindern, dass mich Darmprobleme einholen können – im Prinzip ja!

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