Pilger- und andere Wege

Durch die Pyrenäen westwärts

Geräuschvoll dreht sich der Schlüssel im Schloss. Die Wartenden treten in die Klosterkirche ein. Das Abendlicht fällt in den sonst kahlen Raum. In seinem Inneren lenkt nichts das Auge ab, kein Prunk, kein Schmuck, kein Lichterglanz. Der Raum überwältigt durch seine Höhe und seine Schlichtheit. Große Steinquader türmen sich übereinander. Bald tausend Jahre sind sie alt. Im Jahr 1057 geweiht und 70 Meter hoch bis ins Kreuzgewölbe errichtet.

Kaum ist der letzte Glockenklang verhallt, öffnet sich eine große schwarze Doppeltür. Nur das Rauschen ihrer schwarzen Kutten ist zu hören, als die Mönche eintreten. Sie verbeugen sich tief vor dem schlichten Tafelaltar und der Jungfrau Maria, die über allem auf einem Podest thront. Dann setzen sie sich ins Chorgestühl. Zwei huschen noch verspätet nach. Ruhe. Die Orgel spielt, die Benediktiner fangen zu singen an. Erst einstimmig, ein kraftvoller Tenor, dann als Chor, immer im Wechsel. Einige stimmen klingen etwas brüchig. Die lateinischen Psalme erklingen in monotoner Melodie, die nach einer Weile ganz beruhigend wirkt. Die biblischen Texte ändern sich nach Tageszeit, Wochentag und Jahreszeit. Diese gregorianischen Gesänge sind eine Erholung für die Seele. Nur um sie zu hören, verlängern einige Pilger ihren Aufenthalt im Kloster Leyre. Dann steigt Weihrauch auf. Einletzter Psalm und die Mönche entschwinden wieder fast lautlos.

Kein Laut ist zu hören. Die Besucher verlassen schweigend die Kirche und gehen durch das mächtige Portal hinaus. Die Lage des Gotteshauses ist himmlisch: Hinter den Mauern erhebt sich das mächtige Gebirge Sierra de Leyre, und davor breitet sich der tiefblaue Stausee von Yesa aus. Jeder, der auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs ist, kommt irgendwann hier vorbei. Tage später sind wir am Kap Finisterre, dem Ende der damals bekannten Welt. Hier soll der heilige Jakob vor langer Zeit aus dem fernen Palästina angekommen sein, um den Glauben an den Sohn Gottes zu verbreiten. Er war nicht sehr erfolgreich. Aber er sei später wiedergekommen, um sich in dieser Erde bestatten zu lassen. Ein Eremit hauchte der Legende Leben ein, als er die Gebeine des heiligen Jakob fand. Den Ort nannten sie nach ihm: Sankt Jakob, Santiago. Und das war auf dem Feld unter den Sternen: campo-stella

Der Weg dorthin ist einer der bekanntesten Pilgerwege der Welt. Entlang dieses Weges sind wir nun schon mehr als eine Woche unterwegs, jeder Tag gefüllt mit Eindrücken. Unvergesslichen. Im Bereich der Pyrenäen durch Nordspanien über Burgos und Leon zum „Sternenfeld“ nach Santiago de Compostela. Nach einem Abstecher zum „Ende der Welt“ geht es wieder zurück durch Galizien und das Baskenland über Pamplona und durch das Tal von Roncesvalles auf die Nordseite der Pyrenäen durch Südfrankreich. Wir erleben Geschichte und Gegenwart pur und lassen die Seele baumeln bei ausgezeichnetem Essen und guten Weinen.

Dieses Erlebnis ist Teil der Motorradreise »  Unter dem Kreuz des Nordens  «

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