Erzgebirgische Grenzlandtour

Zwei Tage lang schleppte der Wettergott Wasser und Sturm heran. Erbarmungslos entluden sich seine Meere über dem mittleren Erzgebirge, nahmen den Pessimisten jede Hoffnung auf einen klitzekleinen Sonnenstrahl, trockene Straßen und Fahrspaß. Wir wären keine Motorradfahrer, wenn wir nicht von Natur aus optimistisch eingestellt wären. Die Tour soll genau in diese Region gehen. Doch nicht zuletzt unser immer fröhlicher Gastwirt bestärkt uns in dem Glauben, eine unvergessliche Tour zu erleben.

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Landhotel Flöhatal, nicht weit von Neuhausen und nördlich der tschechischen Grenze, starten wir also gut gelaunt unsere geplante Route. Fast einsam empfängt uns der kleine Grenzübergang Deutscheinsiedel. Die Ausweiskontrolle erfolgt reibungslos. Wie so oft frage ich mich, wie wohl die Beamten die Bilder überhaupt mit dem behelmten Fahrerköpfen vergleichen können. Ein Phänomen, das nur Grenzbeamte beherrschen, oder doch nur noch Routine, um Daseinsberechtigung zu beweisen?
Das Erzgebirge erstreckt sich weit über die Grenzen Deutschlands in die Tschechei hinein. Einen kleinen Einblick wird uns die heutige Runde bringen. Gleich zu Beginn hellt unsere Minen eine Serpentine auf. Sie führt durch einen für das Erzgebirge untypischen Mischwald, an Streuobstwiesen vorbei und gibt schließlich die steilen Hänge des südlichen Erzgebirges frei. Kein Ortsunkundiger hätte diese Strecke gefunden, die uns direkt in das Böhmerland führt.

Most, allen bestens durch sein Autodrom bekannt, ist unser erstes Ziel. Die typischen grauen Wolken einer Braunkohleregion begleiten uns zur hoch gelegenen Burg Hnevin. Oben eröffnet sich uns ein freier Blick, blauer Himmel und ein bestens restaurierter Gebäudekomplex, umgeben von einer stattlichen Mauer. Hier findet man verträumte Plätze, Aussichtspunkte und wenn der Wind gut steht, kann man sogar die Motorengeräusche der Rennstrecke hören. Zu unseren Füßen das riesige Böhmische Becken, landschaftlich nicht unbedingt reizvoll durch die Gier menschlicher Herkunft. Ergebnis dessen ist auch die spektakuläre Umsetzung der Kirche zu Most. Sie musste dem Kohleabbau weichen und wurde 450 m auf Gleisen regelrecht verschoben. Im Kleinen Erzgebirge in Oederan wurde dieses Schauspiel als Modell nachgestellt.

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Direktverbindung über Klasterec, Strac nad Ohri Richtung Damice ist zwar nicht die schönste, aber schnellste und bringt uns so wieder ins Zeitfenster zurück. Und nun genießen wir doch noch die Fahrt entlang des träge dahingleitenden Flusses durch verträumte Dörfer und enge Gässchen. Hier scheint das Leben noch in Ordnung, wenn auch nicht pompös zu sein. Tropfen trommeln auf den Helm. Genau im richtigen Augenblick ist eine Campingplatzgaststätte in Sicht. Böhmische Knödel, ein Muss in dieser Gegend. In Nobelrestaurants ist die einheimische Küche nicht unbedingt auf der Karte zu finden, in solch kleinen einfachen Lokalen finden wir diese schmackhafte Küche hundertprozentig. Alles passt, es regnet in Strömen, das Essen mundet allen. Als wir aufbrechen herrscht der schönste Sonnenschein, als wenn es nie geregnet hätte.

Dem Flusslauf entlang halten wir uns in Richtung Loket, eine Burgstadt , lassen diese jedoch liegen, um langsam wieder den heimatlichen Weg einzuschlagen. Vor uns baut sich das Erzgebirge wie eine Wand auf. Steigt es von deutscher Seite her langsam an, türmt es sich hier wie ein gewaltiges Bauwerk auf mit Erhebungen über 900 m bis weit über 1000 m mit dem Fichtelberg oder Klinovec. Zwischen einer Steilauffahrt und Serpentinen erreichen wir Jachymov. Vom Stolz und Reichtum dieser ehemaligen Münzprägestadt ist nicht mehr viel zu sehen. Hier wurde der Joachimstaler geprägt, später die Grundlage des deutschen Talers. Nicht zuletzt ist Taler die Namensbasis für den Dollar. Der Verfall des Ortes ist deutlich sichtbar. Nur erahnen lässt sich ein Hauch von Reichtum, betrachtet man die Bauweise der Stadt.
Bozi Dar, die Geburtsstadt des Heimatdichters Anton Günther und höchstgelegene Stadt Mitteleuropas, liegt in der Nähe des Keilberges, dem höchsten Gipfel des Erzgebirges, den wir nun ansteuern. Der Berg bietet alles, was man so erwarten kann: Steilauffahrt, Natur, raues Klima, Fernsicht. Das gesamte Erzgebirge liegt nun zu unseren Füßen. So, wie sich Natur behauptet und jedes Jahr in neuem Kleid erblüht, um so gegensätzlicher erscheinen die halb verfallenen Gebäude, die Keilbergbaude (heute geschlossen) und der Franz-Joseph-Turm. Nur der Funkturm, als Funktionsturm, scheint intakt zu sein. Ab 2010 soll jedoch die Wiederherstellung der beiden Wahrzeichen des Keilberges beginnen. Ein Grund, um sich wieder einmal hierhin aufzumachen. Nun geht es noch einmal hügelan- und ab, entlang dem Erzgebirgskamm in Richtung Heimat. In Bärenstein gönnen wir uns eine letzte Kaffeepause bei leckerer Erdbeertorte oder Eis in der bikerfreundlichen Gaststätte und Pension „Zur Linde“ und beschließen, wiederzukommen. Heute haben wir eine kleine Stippvisite gegeben, das Erzgebirge nur leicht angekratzt. Das nächste Mal werden wir wieder neue für uns unbekannte Wege entdecken und genießen.

Von Ulrich Wurzbacher, bikerguide24, Kugelacker 51 • 07973 Greiz

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