Fahrtechnik und Fahrtaktik
Zu allererst sollte Dir klar sein, abseits von Teerstraßen möglichst nie alleine unterwegs zu sein. Sei es, dass Du Dich festfährst und versuchst, die 250 kg wieder in Aktion zu bringen – Schlamm kann gut saugen, sei es, dass Du mit einem technischen Problem liegen bleibst und genau das Ersatzteil oder das Werkzeug ausgerechnet heute nicht dabei hast. Von Hilfe nach einem möglichen Sturz mit einer entsprechenden Verletzung ganz zu schweigen. Und: Nicht überall hat Dein Handy Empfang!
Wenn Du Dich einer Passage näherst, wo der Asphalt endet und der Schotter beginnt, Dir die Strecke aber noch nicht bekannt ist, so bremse ab und löse die Bremse wieder vor dem Übergang. Je lockerer der Untergrund, desto eher neigt das Motorrad dazu, sich wacklig und instabil anzufühlen. Das ist aber normal, denn die Reifen suchen sozusagen nach fester Unterstützung.
Das Wichtigste, woran Du dann denken solltest, ist immer locker zu bleiben! Verkrampfe oder versteife Dich nicht und halte den Lenker nicht zu fest, sondern lass' Dein Motorrad unter Dir laufen und sich seinen Weg suchen. Wenn Du nicht gegenan arbeitest, findet es seinen Weg!
Dein Lenker ist ab sofort keine Stange mehr, um einen neuen olympischen Rekord im Gewichtheben aufzustellen. Zwischen Hand und Lenker sollte ein rohes Ei die Strecke unbeschadet überstehen können. Deine anfängliche Unsicherheit vor der Strecke solltest Du Dein Motorrad nicht spüren lassen.Die Anhäufung von Sand und Steinen, die sich auf diesen Wegen zwischen den Spuren der Autoreifen bilden, können beängstigend sein, wenn sie nicht korrekt angegangen werden. Treffe sie in einem möglichst stumpfen Winkel und beschleunige etwas, um sie zu überwinden. Keine Sorge, fahr nur nicht zu tief in die zweite Spur, wenn Du eine gerade hinter Dir hast. Das Schlimmste, was dabei meistens passiert, ist, dass der Lenker kräftig schlägt, wenn das Vorderrad die Spur durchfährt.
Bei der Beschleunigung auf losem Untergrund verlagert sich ein Großteil des Gewichtes vom Vorder- auf das Hinterrad, was zu allgemeiner Verbesserung der Stabilität führt. Aber betätige nie die Vorderradbremse, wenn es brenzlig wird, das würde nur Deine Schwierigkeiten vergrößern, zu schnell wirst Du wegrutschen. Schau immer dahin, wo Du hin willst und benutze eine Kombination aus Lenken, Gas geben und Gewichtsverlagerung, um auch dorthin zu gelangen.
Querrillen sind ein Teil des Lebens auf der Schotterpiste, ebenso wie Waschbrettpassagen.
Im Allgemeinen werden die Vibrationen bei einem Tempo zwischen 80 und 120 km/h ausgebügelt. Das hängt natürlich von Höhe und Abstand der Rillen ab.
All das mag einen Uneingeweihten ziemlich verwirren, aber da jeder einzelne Abschnitt auf Schotter seine Eigenheiten hat, lernst Du am besten durch eigene Praxis, also durch Er-fahrung.
Die meisten Fahrer sind anfangs auf Schotter mit zu niedrigerer Geschwindigkeit unterwegs. Es mag Dich überraschen, aber je mehr Erfahrung Du sammelst, desto schneller bist Du auf solchen Strecken und das, ohne große Schnörkel mit dem Hinterrad zu machen und auch ohne lange über Alternativen nachzudenken, denn im Gelände gilt: Geschwindigkeit bringt Sicherheit!
Die Piste als Sparschwein
Viele Schotterpisten können Dir darüber hinaus wirklich helfen, nicht nur Zeit, sondern auch Geld zu sparen! Da das „Ausrauben" der Bürger dort nicht so profitabel ist, wie entlang der zwei- und vierspurigen Bundesstraßen, der Autobahnen und der üblichen Transitstrecken vor allem bei unseren östlichen Nachbarn, wirst Du dort eher selten einen Polizisten zu Gesicht bekommen, der behauptet, Du seiest zu schnell gefahren, obwohl sein Radar gar nicht eingeschaltet ist. Wie willst Du sinnvoll in einer Dir nicht sonderlich geläufigen Sprache argumentieren, wenn Du zur Zahlung einer „Straf“ aufgefordert wirst – so heißt nämlich das entsprechende Wort auch im Russischen und der Polizist Deine Dokumente in der Hand hält.
Bremsen, aber wie!
Wann immer Du mit einem Motorrad mit ABS ins Gelände gehst, denke daran, es rechtzeitig auszuschalten. Die auf der Straße segensreiche Einrichtung verringert die Verzögerung im Gelände um ein Vielfaches. Wenn Du das noch nicht „erfahren“ hat, solltest Du das mal im Selbstversuch auf einer Strecke mit losem Untergrund durch Betätigen der Hinterradbremse ausprobieren.
Grundsätzlich: Übe das Bremsen auf Schotter und anderem lockeren Untergrund so oft Du kannst!
Die Hinterradbremsen der meisten Motorräder blockieren auf losem Untergrund extrem leicht. Wenn das blockierte Hinterrad nun seitwärts ausbricht, kannst Du es kontrollieren, indem Du zur selben Seite hinsteuerst. Falls Du dieses Ausbrechen jedoch nicht bewusst einsetzen möchtest, ist es besser, die Bremse wieder zu lösen. Denke immer daran, ein blockiertes Rad ist nicht lenkbar. Erst das rollende Hinterrad spurt wieder ein. Wenn der Reifen dann greift, kannst Du die Bremse erneut gefühlvoll betätigen. Mit einiger Erfahrung kannst Du das Blockieren des Hinterrades auch bewusst einsetzen, um eine Kehre zu fahren, und dann in die neue Richtung heraus zu beschleunigen.
Die erreichbare Verzögerung mit der Vorderradbremse ist sowohl auf Asphalt als auch auf losem Untergrund immer höher als mit der Hinterradbremse. Wegen der geringeren Haftung zwischen Reifen und Schotter, Sand usw. - das ist je nach Untergrund verschieden -, blockiert das Vorderrad aber auch viel leichter als auf Asphalt und die Gefahr des „Abflugs“ ist um so größer, zumal, wenn der Lenker noch leicht eingeschlagen ist.
Trotzdem ist es erstaunlich, welch eine Verzögerung Du doch erreichen kannst, bevor das Rad blockiert. Deswegen übe das Bremsen immer wieder! Erst dann wirst Du ein Gefühl entwickeln, das Dir sagt, an welchem Punkt das Rad blockiert. Damit erhöht sich Deine fahrerische Sicherheit.
Gewöhne dich daran, immer den Blick auf den Horizont zu richten. Wenn Du nämlich nur auf die Straße vor Dein Vorderrad schaust, stehen Deine Chancen sehr gut, eben genau dort zu landen. Dann nämlich, wenn das Vorderrad plötzlich blockieren sollte, dann nämlich, wenn Du das Schlagloch vor Dir fixierst!
Kurven und Ecken
Ein Vorteil auf Schotterpisten ist sicherlich der geringere Verkehr, aber es zahlt sich aus, trotzdem extrem vorsichtig zu sein und daran zu denken, was auf Dich zukommen könnte. Besonders auf Strecken in hügeliger Landschaft sind die Wege oft schmal und gerade so breit, dass zwei Fahrzeuge passieren können. Diese Wege sind alles öffentliche Wege, deswegen darfst Du sie auch befahren – und andere tun es auch, es sei denn, sie sind extra für Kfz oder speziell für Motorräder verboten.
Linkskurven sind schwieriger und gefährlicher als Rechtskurven. Das Neigungsgefälle der Strasse zum Kurveninneren hin ist auf Schotterpisten ausgeprägter als auf vergleichbaren Asphaltstraße und daher verlockt es sehr, solche Kurven zu schneiden, um die positive Neigung zu nutzen, die es besonders auf der Kurveninnenseite gibt. Mache das wirklich immer nur dann, wenn Du die ganze Kurve klar überblicken kannst und auch noch ein gutes Stück des Weges dahinter. Wenn Du diesen Ratschlag nicht beherzigst, ist es nur eine Frage der Zeit, wann Du mit Bauer Piepenbrink, seiner Frau Erna und ihren statistischen 1,6 Kindern im 200 Diesel oder im 4WD zusammen rasselst, weil sie Dir bestimmt irgendwann halbwegs auf Deiner Straßenseite begegnen werden.
Noch besser: Dir begegnet ein Milchlaster oder ein Lkw, der Langholz geladen hat, denn diese Kollegen benutzen den Weg gerne in ganzer Breite. Gleiches gilt auch für Trecker mit allerlei spitzem Gerät hinten dran, das ausgesprochen unangenehm werden kann und noch spannender ist die Begegnung mit einem Mähdrescher. Sei immer auf der Hut! - Bauer Piepenbrink trägt ihn nämlich.
Rechtskurven sind unproblematischer, da die Kurvenneigung das Motorrad unterstützt. Aber aus dem gleichen Grund, warum es für Dich reizvoll erscheint, die Linkskurven zu schneiden, so reizt das auch jeden Glücksspieler, der Dir begegnet. Was Dir die Rechtskurve ist ihm die Linkskurve. Bleibe einfach immer schön weit rechts, solange Du die Kurve nicht gänzlich einsehen kannst! Die Steigerung für uns ist dass Fahren in Ländern mit Linksverkehr. Es gibt da einschlägige „Isle of Man” Erfahrungen.
Dunkelheit kann eine Übung sein
In der Dunkelheit auf Schotter zu fahren, erfordert Alarmbereitschaft, Konzentration und ein sauberes und klares Visier. Die Gefahr, mit Tieren zu kollidieren, ist in der dunklen Tageszeit weitaus größer. Es gibt keine Fahrbahnmarkierungen und normalerweise keine reflektierenden Baken, an denen man den Straßenverlauf ablesen könnte.Es ist manchmal hilfreich, die Lichthupe zu betätigen, anstatt das Fernlicht einzuschalten, weil dann Abblendlicht und Fernlicht gemeinsam brennen und zusammen für eine bessere Ausleuchtung der Straße sorgen. Bei Dunkelheit ist der Straßenbelag schwieriger zu lesen und Du fährst eher nach Gefühl als tagsüber. Probier das hin und wieder, es ist nach meiner Erfahrung eine gute Übung, denn wenn das Motorrad auf etwas reagiert, was Du nicht gesehen hast, muss die Kontrolle instinktiv erfolgen. Auf diese Weise kannst Du einige Deiner Fähigkeiten ausbauen. Die Steigerung dazu ist bei Dunkelheit eine Regenfahrt!
Schlick und Schlamm, auch Matsch, wenn's beliebt!
Schlamm. Das Wort lässt manchen Biker vor Furcht erschauern. Aber es ist überraschend, dass manche ungeteerten Straßen bei Nässe gar nicht so rutschig sind, wie Du vielleicht annimmst, nämlich dann, wenn der Untergrund aus festen Steinen oder Kies besteht und das Profil der Reifen etwas zum Festhalten finden. Sandige Strecken sind bei oder nach Regenfällen ebenfalls in Ordnung, solange das Wasser frei abfließen kann. Tatsächlich war die Charakteristik einiger nasser Sandpisten, die ich befuhr, gleich oder sogar besser, als in trockenem Zustand, da die Feuchtigkeit den Sand bindet und damit für einen festeren Untergrund sorgt.
Andere Straßen ohne festes Steingemisch als Untergrund und solche, die bei Regen zu rutschigem Lehm- oder Schlammpisten werden, erfordern eine andere Methode. Hier sind Straßenreifen absolut überfordert und diese halb Enduro-, halb Straßenreifen sind auch nur wenig besser, sie sind allenfalls Kompromisse, mit denen du erste Erfahrungen sammeln kannst. Am besten kommst Du im Schlamm zurecht, wenn Du alles ganz vorsichtig und mit Gefühl angehst. Gib nur gefühlvoll Gas und bremse mit noch größerer Vorsicht, besonders vorsichtig mit dem Vorderrad, besser nur mit der Hinterradbremse. Mache Dir immer wieder bewusst, dass Dein Anhalteweg erheblich länger ausfallen wird!
Deine Spuren im Sand...
Pisten mit Tiefsand sind wieder anders zu nehmen. Diese können das Motorrad dazu bringen, über die gesamte Straßenbreite zu tanzen. Du solltest Dich nicht fürchten, den Hahn aufzudrehen, um es, mit höherer Geschwindigkeit, ruhig etwas fliegen zu lassen. Wenn Du nämlich diese sandigen Abschnitte nicht mit entsprechend hoher Geschwindigkeit angehst, wirft es Dich entweder zu Boden oder Du buddelst so tiefe Löcher mit dem Hinterrad, dass Du es ohne Ständer abstellen kannst. Stelle sicher, dass dabei Deine Füße auf den Rasten bleiben, denn ohne die Möglichkeit, Dein Körpergewicht auf den Fußrasten zu verlagern, verlierst Du einen erheblichen Teil der Kontrolle über das Motorrad. Bei Bedarf stell` Dich hin, um durch Gewichtsverlagerung entweder dem Hinterrad mehr Grip oder dem Vorderrad mehr Führung zu verpassen. Das gilt auch und besonders dann, wenn du einen Berg, eine Düne, einen Hang erklimmen willst. Gas, Gewicht nach vorne und ab geht`s. Wie sagen die Spezialisten in dem Bereich: Lieber den Tod riskieren als den Schwung verlieren.
Wie bei Schlammpassagen ist es in Tiefsandbereichen hilfreich, den Reifendruck herabzusetzen. Das vergrößert die Aufstandsfläche des Reifens, er kann sich dann besser der weichen Oberfläche anpassen und rollt dann eher über die sandige Fläche, anstatt sie zu durchschneiden. Außerdem kann dann das Profil wieder frei werden, denn durch das Walken des Rades wird Sand und Schlamm besser herausgeschleudert. Denke aber immer daran, die Reifen wieder aufzupumpen, wenn die Sandpassage vorbei ist.
Dreckig, aber ganz gut drauf
Eine meiner unvergesslichsten Pistentouren liegt einige Jahre zurück. Wir reisten zu zweit in der Republik Tuwa, im Süden Sibiriens, nahe der mongolischen Grenze. Es schüttete wie aus Eimern und nachdem wir östlich der Hauptstadt Kysyl erst einen Kilometer im Schlamm zurückgelegt hatten, waren wir schon mehrmals gestürzt!
Ein Blick auf die Karte zeigte uns einen gewaltigen Umweg, den wir hätten fahren müssen, um die nächsten etwa 70 km Schlammpiste zu umgehen, wir könnten aber auch so weiterfahren.
Verfluchte Sch.... ! dachte ich und wir entschieden uns, weiterzufahren.
Es war die fürchterlichste Fahrt, die ich je hinter mich gebracht habe. Der Straßenuntergrund war feiner glitschiger Schlamm, mein Visier beschlug ständig und der schwere Regen machte die Sicht nahezu unmöglich. Am schlimmsten war es aber, als wir nach gut 20 Kilometern bemerkten, dass eine Planierraupe im Einsatz gewesen war, die die Straßendecke erst aufgerissen und dann in kleine Stücke zerbröselt hatte.
Von nun an hatten wir es also mit einer tiefen Schicht glitschigen Schlamassels zu tun, anstelle des dünnen Films von vorher. Ein wahrer Alptraum! Die abschüssigen Kurven besaßen auf jener Seite meist noch eine steil abfallende Kanten, die in das begleitende Sumpfgebiet führte. Ein Anblick, der große Freude aufkommen ließ, um es gelinde zu sagen... Wir kamen jedenfalls durch, ohne dorthin abzuschmieren, aber nur nach mehreren Überdosen Adrenalin.
Was für ein Gefühl einer Großtat hatten wir! Das war es wert, alles durchlitten zu haben.
Der Lohn der Angst Obgleich es scheint, dass Du an vieles gleichzeitig denken musst, wenn Du Dich auf Schotterpisten begibst, so ist es doch eigentlich gar nicht so schwer. Du solltest immer daran denken, nicht zu ängstlich zu sein! Kontrollierte Aggression ist die richtige Antwort.
Wenn Du Dich mit den verschiedenen Oberflächen der Pisten vertraut gemacht hast, so wirst Du auch zweifellos ein besserer Fahrer auf der Straße sein. Es ist kein Zeichen von Schwäche, auch bei kurzen Übungsfahrten mindestens zu zweit unterwegs zu sein. Möge Dir unterwegs nie etwas passieren, aber dann ist zumindest Hilfe sofort da. Stelle Dir vor, du durchkurvst gerade sehr zügig deine geliebte asphaltierte Hausstrecke, auf der Du jeden Kantstein beim Namen zu kennen glaubst und ganz plötzlich taucht an einer Stelle, an der Du es am allerwenigsten erwartet hast, ein Stück Asphalt mit Rollsplitt auf...
Es kommt kein bisschen Panik bei Dir auf, nicht einmal die Andeutung eines Griffs zur Bremse. Wo läge denn dabei auch das Problem? Du hast doch schon ganz andere Sachen erlebt und gemeistert.
Jürgen „Juri“ Grieschat - www.mottouren.de
Zu Teil 1: Schotter, Schlamm und andere „Erdferkeleien“
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