Schotter, Schlamm und andere „Erdferkeleien“
Man kann ein Geländemotorrad fahren und man kann mit einem Motorrad im Gelände fahren, beides kann Spaß machen. Um aber auf Schotter und unbefestigten Straßen zu Recht zu kommen, bedarf es keiner Paris-Dakar-Replica, eine Harley oder eine Goldwing in vollem Ornat tun es auch, wenn Du die Technik beherrschst...
Zu meinen interessantesten und schönsten Motorrad-Touren gehören die, bei denen ich im Streckenverlauf ein paar Schotterpisten dabei gewesen waren. Einige der besten Plätze der Welt können sogar nur über solche Pisten erreicht werden. Es wäre eine Schande, sie auszulassen, nur weil es Dich abschreckt, abseits von asphaltierten Straßen zu fahren. Island auf der Ringstraße ist etwas für Wohnmobile, die Hochlandpisten bringen Dich dem Himmel näher, zumindest den Hotpots, in denen Du nach einer Tour am Abend unglaubliche Entspannung erleben wirst. Gleiches gilt für Prudhoe Bay im Norden Alaskas, die Routa 40 im Westen Patagoniens, einsame Orte in der Sahara, die Plätze mit dem schönsten Blick auf den Baikalsee in Sibirien. Aber zu allererst: Die Schotterpisten, die ich bevorzuge, sind nicht die ausgedehnten Wüstenstrecken oder extreme Motocrosspisten, sondern die alternativen Routen, die entlang der gut ausgebauten Hauptstraßen verlaufen und die man überall findet, auch in den dichter besiedelten Gebieten Europas, auch bei uns vor der Haustür.
À la Karte
Da Touren eigentlich „Entdecken" bedeutet, besorge Dir eine gute Karte und studiere sie sorgfältig. Generalkarten, besser noch solche im Maßstab 1:100.000 oder für Dein Umfeld oder Zielgebiet noch detaillierte, liefern sehr informative Angaben und eine kurze Zeit des Kartenstudiums belohnt Dich mit einer Vielzahl von Möglichkeiten, abseits der Hauptstraßen unterwegs zu sein. Auch Dein Navi kann sehr von Nutzen sein. Er sagt Dir auch, ob Du am Ende der Strecke voraussichtlich wieder auf eine Straße treffen wirst. Diese dann häufig nicht asphaltierten Straßen können unglaublich variieren und dabei Oberflächen bieten, die z.B. aus Sand, Steinen, Staub, Schlamm, Gras und auch Lehm bestehen.
Wann empfiehlt es sich nun, eine Schotterpiste anstelle einer Asphaltstrasse zu wählen? Meine Antwort lautet: immer, wenn es Deine Zeit erlaubt. Dabei ist es nicht wichtig, welches Motorrad du fährst, sondern wie viel Zeit du hast. Die Möglichkeiten vervielfachen sich aufgrund der zahllosen kleinen Straßen, die sich Dir erschließen und Du kannst sicher sein, auf wenig Verkehr zu treffen.
Eine solche Fahrt solltest Du entspannt und mit Geduld angehen. Plane dabei Pausen ein für die kleinen verschlafenen Städtchen, Kultur- und Naturdenkmäler, die am Wege liegen.
Dein bestes Stück
Die sonst allerwichtigste Tatsache, welches Motorrad Du fährst, spielt (fast) keine Rolle. Es gibt allerdings schon Motorräder, die mit solchen Wegen offensichtlich besser zurechtkommen als andere, doch ich hatte bisher mit keiner Marke und keinem Modell Probleme, einschließlich 750 ccm Renn-Replicas oder Goldwing- bzw. BMW LT - Schlachtschiffen. Die meisten Schotterpisten liegen innerhalb der Fähigkeiten jedes Motorrads und dessen Fahrers, etwas Übung aber vorausgesetzt. Ein nicht zu überschätzender Faktor sind in jedem Fall aber die Wetterverhältnisse. Eine sonst einfache, trockene Erdpiste kann bei Regen zu einem unüberwindlichen Hindernis werden.
Wenngleich bestimmte Motorräder sich mit solchen Straßen leichter tun als andere, bedeutet das nicht, dass Straßenmotorräder an ihre Grenzen stoßen, sobald sie den Asphalt verlassen. Zweifellos sind Sport-Bikes hier am wenigsten komfortabel. Das liegt an der sportlichen Fahrwerksgeometrie, dem schmalen, tiefen Lenker, der gekrümmten Sitzposition und nicht zuletzt an den breiten Reifen, die - in Verbindung mit der hohen Motorleistung - dazu neigen, auf losem Untergrund ins Schlingern zu geraten. Aber für solche Touren sind diese Motorräder auch nicht konzipiert. Das gilt jedoch nicht für alle anderen Arten von Straßen- Motorräder, Cruiser und vollverkleidete Tourer eingeschlossen!
Die Einzylinder-Enduros wie z.B. die „alten“ Suzuki DR 650, die Honda Dominator 650 und die neueren KTM, Husaberg, Husquarna und die BMW 650 GS in ihren verschiedenen Varianten sind besonders gut für Touren auf Schotter geeignet: verhältnismäßig geringes Gewicht, breiter Lenker, lange Federwege und Reifen mit Blockprofil. Das alles zusammen ist ein Paket, das in seiner Vielseitigkeit schwer zu überbieten ist. Die Nachteile liegen im geringen Wetterschutz und in der geringeren Höchstgeschwindigkeit dieser Motorräder bei einer eigenen längeren Anreise.
Mehrzylindrige Modelle wie Triumph Tiger, Cagiva Elephant, Yamaha XTZ 750 Super Ténéré oder die Honda XLV 750 Africa Twin sind ebenfalls sehr gut geeignet. Gerade die letzteren gehören nicht von ungefähr wie die BMW GS Modelle zu den beliebtesten Motorrädern von Fern- und Langzeitreisenden. Gleiches gilt auch für die Nachfolgemodelle Honda Varadero und Suzuki V-Strom, die sich allerdings vom ursprünglichen Konzept der Enduro durch diverse bauliche Maßnahmen, ihr hohes Gewicht und viel Kunststoff weiter entfernt haben.
Vor allem die großen KTM Modelle und besonders die BMW Boxer-Twins sind beliebte Gelände-Tourer. Wegen ihres niedrigen Schwerpunktes, kombiniert mit einem drehmomentstarken Motor, der auf losem Untergrund eine exzellente Motorbremse liefert, sind sie wirklich ideal.
Es ist also kein Wunder, dass die geländeorientierten BMW GS-Modelle so beliebt sind, verbinden sie doch alles Gewünschte mit den wenigen Nachteilen. Jahre der Entwicklung führten über den bis dato feinsten Gelände-Tourer, der BMW R 1150 GS zu der neuen 1200 GS und 1200 GS Adventure und ihrer „Spaßversion“, der HP2. Wie die sich aber auf Dauer und vor allem auf Fernreisen in Bereichen ohne Zugriff auf Laptop und das Servicemobil behaupten werden, muss sich noch zeigen. Und nun hat sich BMW mit der neuen F 800 GS auch noch eine hervorragende Konkurrenz im eigenen Haus gemacht. Dazu kommt dann noch eine richtige „Spaßversion“, die G 450 X.
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