MOTORRADLAND KÄRNTEN

Eine kulinarische Kurvenjagd

Ein echter Geheimtipp für Motorradfahrer ist das Österreichische Bundesland Kärnten. Den meisten von uns vielleicht eher bekannt durch das Harley-Meeting am Faaker See oder den kürzlich bei einem kapitalen Überschlag mit seinem Phaeton verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider. Doch dass es dort noch viel mehr zu entdecken gibt, durfte die MOTORRADSTRASSEN-Redaktion auf einer 4tägigen Reise erleben. Unfassbar beeindruckende Alpenpanoramen, Passüberquerungen nach Italien und Slowenien, super nette Gastwirte - mit KTMs zum Auslei-hen - schwer leckeres Essen und Kurven satt.

ES BEGINNT DER GENUSS

Der mit 3.798 Metern höchste Berg Österreichs trennt - oder verbindet, ganz wie man will - die Bundesländer Salzburg und Kärnten und bietet mit seiner touristisch erschlossenen Hochalpenstraße, für deren Nutzung Motorradfahrer mit eigentlich unglaublichen 18 Euro zur Kasse gebeten werden, ein absolut sehenswertes Stück alpiner Naturgewalt, die wir gleich mal bei der Auffahrt zum „Hochtor Tunnelportal“ auf 2.500 Meter Höhe mit einem Furcht einflößenden Gewitter zu spüren bekommen. War es auf der Bundesdeutschen Autobahn mit über 37 Grad noch beinahe unerträglich heiß, erwarten uns hier oben meterhohe Schneewehen, Schmelzwasser und frostige 7 Grad Celsius. Wer es nicht eilig hat, kann für den happigen Eintrittspreis die Abzweigungen zur Edelweißspitze sowie zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe nutzen und sein Kulturwissen über die Entstehungsgeschichte der Glockner-Hochalpenstraße zur Römerzeit und durch die darauf folgenden Epochen erweitern. Nach Passieren des Tunnelportals geht es auf der anderen Seite, in wunderbar abwechslungsreichen Serpentinen, bergab Richtung Kärnten. Aufgrund des miesen Wetters und der späten Stunde, sparen wir uns den Abstecher zum eigentlichen Großglockner-Aussichtspunkt und nutzen das sich vor uns talwärts auftuende Wolkenloch, um direkt zu unserem Basiscamp, Kraner’s Alpenhof am Weissensee, durchzustarten, wo der Rest der Reisegruppe, der dem schnelleren „Umweg“ über die Autobahn via Salzburg und Villach folgte, hoffentlich schon ein kühles Weißbier für uns bestellt hat. Und nicht nur das. Kraner’s Pizza ist legendär und lässt die Strapazen des Tages auf der Terrasse mit Blick auf den See schnell vergessen. Ein weiches Kissen unter dem Po lindert schließlich auch diesen, letzten verbliebenen Schmerz.

SCHNITTPUNKT DREIER WELTEN

Am nächsten Morgen geht’s schon gleich ans Eingemachte. Nachdem wir ausgiebig und gesund am reichhaltigen Frühstücksbuffet nachgeladen haben und ich meine bajuwarische Alpenkönigin gegen eine KTM Super Duke aus dem Test-fuhrpark des Alpenhofes, welchen KTM den Motorradland Kärnten & Osttirol Mitgliedsbetrieben zum Anfixen der erfah-rungswilligen Gäste zur Verfügung stellt, eingetauscht habe, heißt es: Germanisch, slawisch, romanisch. Drei Kulturen innerhalb weniger Kilometer, südliches Flair, alpine Passüberquerungen, vorbei an malerischen Badeseen und sonnengebräunten italienischen Schönheiten. Eine grenzüberschreitende Tour mit Friedel als Tourguide steht an. Friedel Kohlweiss, selber Gastwirt und Koch aus Leidenschaft, führt in Treffen, so heißt der Ort in der Nähe des Ossiacher Sees, das Bikerhotel „Friedels Garage“ und kennt die Tourenregion wie die Taschen seiner „Chili Biker“ Weste. Frühstücken in Österreich, Mittagessen in Italien, Kuchen in Slowenien und Abendessen zurück in Österreich – alles an einem Tag. Wenn’s gewünscht wird. Natürlich kann das alles auch schön genüsslich alles hintereinander an mehreren Tagen abgetourt werden. Schließlich sind wir hier im Urlaub und nicht beim abendlichen Almabtrieb.

PROSCIUTTO IN SAN DANIELE

Von Weissensee aus nehmen wir über Hermagor und Kötschach-Mauthen den Plöckenpass in Angriff. Auf entspannten 1.357 Metern Höhe, genau der richtige Hügel zum Wachwerden, überqueren wir die Grenze nach Italien. Ausweise und Reisepässe will im vereinten Europa schon lange keiner mehr sehen. Im Gegenteil. Die ehemalige Grenzstation ist total verlassen. Der Kiosk „noch“ geschlossen. In schönen Schwüngen gleiten wir die sonnenüberflutete Südwestseite hinab und fassen in Paluzza Getränke und Schokoriegel nach. Bezahlt wird in Euro. Klar, die ständige Geldwechselei früherer Jahre ist Geschichte. Warum das erwähnenswert ist? Wir Journalisten sollen ja auch mal was Positives über die EU schreiben! Bevor wir zum Prosciutto-Schlemmen in San Daniele del Friuli eintreffen, machen wir noch eine kleinen Capuccino Pause in einer alten namenlosen Festungsstadt mit herrlicher Piazza, die nicht nur ein Augenschmaus ist, sondern auch die Gelegenheit bietet, den überhitzten Körper mit kühlem Nass aus dem Brunnen zu kühlen.
Für die Mittagszeit hat Friedel etwas außerhalb des Zentrums von San Daniele eine Prosciutteria ausgewählt, die zwar etwas unspektakulär aussieht, aber dennoch reichlich italienisches Flair beherbergt. Hier gibt’s den gleichen, hauchdünn geschnittenen weltberühmten Schinken. Allerdings deutlich günstiger, als im historischen Stadtkern. Für 19 Euro pro Person serviert die flotte Bedienung außer einer üppigen Schinkenplatte reichlich „Zubehör“. Melone, gefüllte Paprikas, diverse Käse und Frischkäse, Oliven, Charlotten, Brote und weitere Antipasti. Ein Füllhorn an Gaumenfreuden, das mit einem extra starken Espresso dopio mit viel Zucker endet.

KAFFEE UND KUCHEN IN KRANJSKA GORA

Derart verwöhnt schwingen wir uns auf die Böcke, um eine kleine Stadtrundfahrt durch San Daniele zu un-ternehmen. In der histori-schen Altstadt mit ihren engen Gassen lockt vor allem die im 13. Jahrhundert erbaute Kirche San Antonio Abate, die Bibliotheca Guarneriana mit den Werken von Dante und das typisch italienisch vorgelebte Dolce Vita der Bewohner, die am frühen Nachmittag die Cafes bevölkern, oder einfach am Straßenrand sitzen und sich dem Espresso und Tabak Konsum hingeben.

Kaum haben wir den Schinken verdaut und uns wieder dem Kurvengenuss zugewandt, machen wir Bekanntschaft mit einem weiteren berühmten italienischen Kulturgut: Den Carabinieri. Hinter einer schönen engen Haarnadelkurve lauern die beiden gestiefelten Kater mit ihrem Jeep und halten aus dem sicheren Gefühl ihres Gehörs heraus herannahende Fahrzeuge an. Natürlich sind wir dabei. Friedel muss als Leader der Gruppe das überzogene Possenspiel des komödiantisch veranlagten Gesetzeshüters über sich ergehen lassen, der mal mit Mütze auf, mal mit Mütze ab im Stechschritt hin und her stolzierend und lamentierend mal schweigend eine theaterreife Vorstellung liefert. Nur, um uns dann eine „Zeitstrafe“ von 10 Minuten aufzubrummen. Jetzt bloß nicht lachen, oder Fotos machen, denn sonst wird aus Spaß doch noch Ernst.
Über den Predil Pass erreichen wir nach weiteren herrlichen Streckenkilometern und extrem abwechslungsreichen Landschaften Slowenien, schwingen uns auf zum Vrisic Pass. Auf der Südseite des Passes erinnert die Russische Kirche an hunderte Kriegsgefangene, die den Bau der Passstraße im ersten Weltkrieg mit ihrem Leben bezahlten. Der mit seinen 50 Haarnadelkurven, teils auf Kopfsteinpflaster dem Fahrer höchste Konzentration abverlangende Hang macht nicht nur schon wieder Hunger, sondern stört auch ein wenig das Genießen der Aussicht. Besser, man hält zwischendurch mal an, um zurück zu blicken. Kurz vor Kranjska Gora kehren wir bei „Milka“ ein und stopfen uns ein Stück Giblica-Torte in die Figur. Schließlich sind es bis Tarvisio noch einige wenige Kilometer, die wir mit einem Abstecher zur Skiflugschanze in Planica staunend ausdehnen. Mann ist der Aufsprunghügel steil. Auch in Grün ein beeindruckender Anblick. Für kein Geld der Welt würde ich mich von dort oben in die Tiefe stürzen.
In Tarvisio wartet außer einer modern aufgehübschten Flohmarkthalle ein schmackhaftes Tiramisu auf die schon wieder ziemlich ausgelaugten Körper der Reisenden. Früher war der Markt in Tarvisio der Treffpunkt vieler fliegender Händler aus Italien und Slowenien, bei dem sich auch die Österreichischen Gastwirte und Privatpersonen günstig mit Spezialitäten und Bekleidung eindecken konnten. Heute gibt es dort mehr Lederjacken, Gürtel, Taschen, Portemonnaies und aufdringliche Verkäufer, als alle Österreicher jemals auf- und wir ertragen könnten.

GAILTALER SPECK

Nach der doppelten Zweiländer-Kaffeepause führt uns der Weg zunächst Richtung Villach und dann durch das Gailtal nach Hermagor. Zwei opulente Stationen sollen uns auf diesem Weg noch bevor stehen. Langsam wird’s eng im Nierengurt, aber den kann man zur Not ja auch einfach mal abschnallen. „Positives Fett“ ist ein Begriff, der so manchem Genusssüchtigen gut in den Wortschatz passen dürfte. Im Schloss Lerchenhof, der Familie Steinwender erfahren wir von dieser Frohbotschaft, als wir den original Gailtaler Speck mit Brot und einem Alkoholfreien verkosten dürfen. Dort züchtet man kleine glückliche Schweinchen, die nur mit erlesensten Biofutterstoffen aufgezogen werden. Aber nur, bis sie ein Gewicht von zarten 140 Kilogramm erreicht haben. Dann werden sie, neugierig wie sie sind, von plätscherndem Wasser in den Nebenraum gelockt und dort völlig stressfrei per Stromschlag in den Schweinehimmel geschickt. Kein Wunder also, dass der Gailtaler Speck so lecker schmeckt. Und das tut er wirklich! Prost!

RÄUCHERLACHS IN SCHEICHQUALITÄT

Ebenso glücklich, wie die 100 Schweinchen, die im Gailtal ihren Hintern hergeben, müssen wohl die Biolachse aufwachsen, die in den kalten Gewässern vor Island im offenen Ozean auf Hochsee-Farmen gedeihen. Von dort gelangen sie via Hamburg und Frankfurt nach Hermagor zu Peter Bachmann. Der findige Fischliebhaber hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Biolachsfilets in einem speziellen Räucherverfahren zu veredeln. Und zwar so sehr, dass er, der Lachs, seine Reise in die höchsten Gesellschaftskreise nach Monte Carlo, Dubai und andere exklusive Orte auf der Welt fortzusetzen vermag. Da bekommt der Begriff Lachswanderung eine ganz neue Dimension. Bei Bachmann’s kann der Genießer sich für 15 Euro Degustieren lassen. Peter Bachmann selbst leitet die Führung durch den Betrieb und kredenzt hernach zum wirklich exquisiten Lachs, den passenden Lachswein des Jahres, diverse Konfitüren und andere Köstlichkeiten. Klingt alles recht fabulös, ist aber tatsächlich ein ziemlich einzigartiger Gaumengenuss, den man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Auch, weil der Bachmann so ein richtiger cooler Typ ist. Phantastisch!
Total abgefüllt mit Köstlichkeiten trödeln wir die letzten Kilometer zurück zu Kraner’s Alpenhof am Weissensee und fiebern nach der Hitze des Tages dem guten alten Weißbier entgegen, das wir auf der Terrasse mit einer Holzofenpizza herunter zu spülen gedenken. Oder war es umgekehrt?

MOTORRAD-ERLEBNIS „SÜDLICHES ÖSTERREICH“ – EIN FAZIT:

Eingebettet zwischen den riesigen Bergmassiven der Hohen Tauern im Nordwesten, den Karnischen Alpen im Südwesten sowie den Karawanken im Südosten, offenbart sich in Kärnten eine wahre Schatztruhe unterschiedlichster Landschaften. Mondäne Uferstrecken und herrliche Hochgebirgspassagen machen Kärnten für den Motorradfahrer zu einem erstklassigen Ziel. Die Landeshauptstadt Klagenfurt und Villach sind die urbanen Zentren mit südlichem Flair. Gleich in Sichtweite liegen makellos saubere und für ein Alpenland ungewöhnlich warme Seen. Der Faaker See ist unter Motorradfreunden vor allem durch das jährliche Harley-Davidson- Treffen bekannt geworden. Aber auch der Wörthersee, Weissensee, Ossiacher See und Millstätter See sind Pflichtausfahrten. Insbesondere sind es aber die Berge, die uns Motorradfahrer so in ihren Bann ziehen. In und um Kärnten erwartet den Reisenden ein attraktives Angebot unterschiedlichster Alpenstraßen. Große Hochgebirgsübergänge, atemberaubende Panoramastraßen und kleine einsame Pässchen sättigen schnell und nachhaltig die Kurvengier. Inmitten dieser Landschaft haben sich überdies 20 Hotels zusammengeschlossen, in denen Motorradfahrer herzlich willkommen sind. Die speziellen Angebote und Standards in den Betrieben der „ARGE Motorradland Kärnten“ machen den Motorradurlaub zum reinen Vergnügen. Hier fühlen wir uns Zuhause. Und das Essen macht uns richtig meier

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